Wo liegt Simtshausen?

Als Ortsteil der Gemeinde Münchhausen liegt Simtshausen im mittleren Wetschafttal, einem Zufluss zur Lahn im nördlichen Landkreis Marburg-Biedenkopf. Die Wetschaft verläuft windungsreich durch die Senke, die sich an der Bruchkante des Rheinischen Schiefergebirges zur Sandsteinplatte des Burgwaldes gebildet hat. Zahlreiche, auch in trockenen Sommern Wasser führende Quellen wie der Schulborn oder Christborn in Mittelsimtshausen und kleinere Bäche wie der Wälzebach und der Rodenbach sorgen für einen ständigen Zufluss zur Wetschaft und waren der Grund für die Anlage von Mühlen in dreien der vier Ortsteile: Obersimtshausen, Mittelsimtshausen, Schlagpfütze und Untersimtshausen. Im Osten schließt sich der Burgwald mit dem Christenberg an, im Westen das Aspher Feld, im Süden grenzen die Gemarkung der Stadt Wetter und im Norden die Gemeinde Münchhausen an.

Das Wappen/Logo Simtshausens spiegelt seine Lage im Wetschafttal zwischen dem Burgwald und den ehemals zum mainzischen Wetter     gehörigen beiden Mühlen wieder.

Mit Wetter und seinem mittelalterlichen Stift hängt auch die Gründungsgeschichte von Simtshausen eng zusammen. Beide Orte entstanden an Furten durch die Wetschaft, bei denen die historische Weinstraße die Talauen überquerte. Die ‚Weinstraße‘, eigentlich Wagenstraße, war im Mittelalter ein Königsweg („via regia“), die von Bremen bzw. Paderborn über Korbach und Frankenberg über die Höhenzüge in Richtung Marburg und weiter nach Frankfurt verlief. Sie erreichte die Simtshäuser Gemarkung nordwestlich am „Mädekreuz“, lief dann talwärts an einer Landwehr („Lamber“) vorbei, die sie in Obersimtshausen kreuzte, führte zu einer Furt („Pforte“) in der Wetschaft (im Bereich etwa der heutigen Kreisstraße) und von dort aus weiter über die „Schlagpfütze“ (Pitze=Teich- oder Sumpfwiese) über den „Sonnabendskopf“ bis nach Wetter in Richtung Gossfelden und Marburg. Nach W. Görich bzw. J. Henseling (Hessenland 8. Jahrgg., Folge 6, 1961) lag hier an der Schlagpfütze die Wüstung Warmshausen (von „Fahrmannshausen“?). Die Straßenbezeichnung „Am Stemel“ erinnert noch an das dort 1577 nachweislich vorhandene Steinmal (ein Heiligenbild oder Wegemarke).

Wann wurde Simtshausen gegründet?

Aus vorgeschichtlicher Zeit sind nur wenige Oberflächenfunde bekannt; eindrucksvollstes Zeichen der Besiedlung unseres Raumes ist die keltische Festung auf dem nahen Christenberg mit ihren Nebenlagern und die in karolingischer und mittelalterlicher Zeit angelegten Befestigungen auf und um den Christenberg im Burgwald, dessen Kirche in Sichtweite von Simtshausen liegt.

Der Burgwald ist seit der Zeit der Karolinger im 8. Jahrhundert sog. Reichsgut, also kaiserlicher Besitz gewesen, der sich von Frankenberg über den Wollenberg bei Wetter bis an die Lahn erstreckte und im Westen in die „Breite Struth“, im Osten in den Mönchwald und Herrenwald überging. Auf seiner markantesten Höhenlage, der Kesterburg (=Christenberg), wurde bereits damals zur Zeit der Christianisierung Hessens ein kirchliches Zentrum angelegt. Es gehörte zur Erzdiözese Mainz. Seine Ländereien gelangten zusammen mit dem Burgwald über Schenkungen an benachbarte Klöster, z.B. auf der Amöneburg, in Haina, Caldern und Wiesenfeld und an das vermutlich von Kaiser Heinrich II. 1015 gegründete Kanonissenstift (adlige Damen in einer christlichen Lebensgemeinschaft, kein Kloster) in Wetter.


Im Salbuch des Klosters Haina (Erbregister Bd. II, 1557) werden Simtshausen (entspricht Mittelsimtshausen mit chlagpfütze) und Obersimtshausen erwähnt (Hess. Staatsarchiv Marburg [= StA MR], Bestand S 191, fol. 29)

Ab dem 13. Jahrhundert waren die thüringischen Ludowinger als hessische Landgrafen Vögte („advocati“) des Stifts Wetter, d.h. sie übten die weltliche (Blut-)Gerichtsherrschaft aus, die den Geistlichen verwehrt war. In der Eigenschaft als Stiftsvögte gelang es den hessischen Landgrafen im 13. Jahrhundert, den Burgwald mit dem westlichen Randsaum im Wetschafttal an sich zu bringen. Schon bald nach der Errichtung des Dekanats Kesterburg begann die Besiedelung der benachbarten Talauen, und im Zuge dieser zwischen 800 und 1000 erfolgenden Besiedlung ist wohl auch die an einer Furt durch die Wetschaft gelegene Siedlung Simtshausen begründet worden. Etwa gleichzeitig gegründete Siedlungen wie Warmshausen (s.o.), Beddelhausen und Rindshausen (im Asphetal nahe Untersimtshausen) sind in der spätmittelalterlichen Wüstungsperiode um 1480 aufgegeben worden.

Die Siedlung Simtshausen war so klein, dass sie in den Salbüchern von 1502 (StA MR S 34, Stadt und Amt Battenberg) nicht eigens aufgeführt wurde, sondern zum Gericht Münchhausen rechnete.

Dorfbuch des Oberfürstentums Hessen (StA MR S 40, fol. 44.

„ Gericht Münchhausen, Gehoret tzum ampt Battenbergk vnd stehet ingleichen vnserm g. f. vnd Herrn mit aller Hoch vnnd Obrigkeit zu“

Noch im hessischen Dorfbuch, das um 1570 geschrieben wurde, wird Simtshausen nicht als eigener Ortsteil des Gerichts Münchhausen erwähnt.

Die Gründung Simtshausens an seinem jetzigen Ort (wohl durch einen niederen Amtsträger mit dem Namen Sigeman, Syman, Simen oder ähnlich) hatte demnach mehrere Voraussetzungen: 1. den Verlauf der Weinstraße, 2. die Forstwirtschaft des Burgwalds, 3. die Mühlengerechtigkeit der Vogtei Wetter an der Wetschaft und 4. die Konkurrenzsituation zwischen den Ämtern Battenberg (mit Beziehungen zur Grafschaft Wittgenstein) und Wetter (mit den hessischen Landgrafen als Nachfolger der auf der Burg Hollende nahe Treisbach/Warzenbach ansässigen Gisonen). Münchhausen mit Wollmar gehörte damals zum Amt Battenberg, Simtshausen und Untersimtshausen überwiegend zum Amt Wetter).

Simtshausen taucht zum ersten Mal als „Siegemannshausen“ im Mannlehenverzeichnis des Stifts Wetter um 1220 auf. In der Folgezeit sind hier Güter des Klosters Haina nachweisbar; zu dieser Zeit dürfte bereits eine Mühle (wohl im Bereich des heutigen Mittelsimtshausen, das bis zum 16. Jahrhundert als Simtshausen bezeichnet wurde) angelegt worden sein. Einen bei +Warmshausen gelegenen Stiftshof erwarb 1294 das Kloster Caldern. 1309 verkauften Ritter Volpert von Frohnhausen bzw. Gottfried von Hatzfeld eine Mühle in Simtshausen an die Johanniterkommende in Wiesenfeld. Ob es sich dabei um die sog. „Herren“-Mühle im jetzigen Mittelsimtshausen und/oder die Helwigsmühle in Obersimtshausen gehandelt hat, deren Besitzer verpflichtet waren, täglich frisches Wasser auf die mainzisch-hessische Amtsburg in Mellnau zu transportieren, lässt sich heute nicht mehr sicher entscheiden.


Die früheste ausführlichere Ortsbeschreibung findet sich im Erbregister des Klosters Haina (StA MR S 348 Bd. II, fol. 207ff.), in dem die abgabepflichtigen von „Simshausen“ verzeichnet waren. Das aus dem 1557 Jahr stammende Register enthält zudem auch noch (hier in Klammern angegebene) Einträge und Ergänzungen aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Der folgende Text ist wortgetreu übertragen; Erklärungen in eckigen Klammern:

(fol. 207) Simshausen Des spittals gütter seindt den nachbenanten Ein Zeitt Jar verleihet

(Jüngerer Zusatz: Martin Geiz, Jacob Kahler)

Theias Reidt vnd Hanß Moller haben ii acker vi rutenn [Flächenmaß] wiesen, die grosse wiese genant. Stost vff die gemein. Item [lat. ebenso] i [1] acker x [10] viertel v [5] ruten die wehr wiese ahn der Steinheußer geben von den 2 wiesen

Zween gulden sibenzehen albus [Albus = Weißpfennig bzw. Groschen]

Nota: gibt nunmehr 2 fl 20 alb wie ist ihm 1719 ausgesetzt worden

(Jüngerer Zusatz: Joannes Müller)

Heintz wibel von ii acker, i viertel die Lange wiese gnant.ahn der Strasse heran Item i acker II viertel die scheubelwiese ahn faust henn, Item i acker der Art ahn Wigandt Scheffer, gibt von den dreien wiesen jerlich dem Haus Heine

Zween gulden Siebenzehen alb

(Jüngerer Zusatz: (The)is Junghenn)

Mertten Geitz von iiii acker xxi ruten wiesen genent die Neue wiese ahn Theias Claußen. Item i acker 1 viertel xiiii ruten die rodell (=Röder?) wiese ahn Selben Claus gelegen gibt von den zween wiesen jerlich

Zween gulden Siebentzehen alb

Ein Hun idem

Zwey mutt [Hohlmaß] partim [anteilig], iden von iii acker, ii/2 viertel iii ruten Landt der Strasse ahn der dohren Wießen Item iii acker i viertel

viiii ruten doselbst ahn der Newen Wieße, Item i acker i viertel xvi ruten ahn der Kirchmurhe [=auf der Kirchmauer]

(Jüngerer Zusatz: Elisabeth Führin)

Hen Drus von iiii acker i viertel wiesen die dorre wiese ahn der Strasse gelegen, Item i acker, vi viertel die Reder (=Röder??) wiese ahn Claus Theias, Item i acker vi ruten der Ael ahn Wigandt scheffer gibt von den dreyen Wießen jerlich In Spittal Heine

Zween gulden Siebenzehen alb.

Ein Hun jeder die vier man von den obgemelten Wießen.

Fol. 209 (geändert 208)

ObernSimshausen Des spittals

gütter

Moln [= Mühlen]

(Jüngerer Zusatz: Joh. Conrad Detsch, Ihm ao 1691 uff sein Lebenslang verliehen, hatt 10 fl uff zu Tausch besagt und entrichtet)


Hen Moller von der moln bey dem Born [=Christborn?] sampt Einer Wießen ahm Hause vnd Einem garten daselbst gelegen, Ist sein Erbe gibt jerlich dem Hauß Heine, vnd hatt die wiese iiii acker, der garten 1 acker 1 viertel iii ruten

fünffhalben guldenn,

Zwen alb vor ein New Jar

Ein Ganß Idem

Ein Hun Idem

Ein Han Idem

Vier maß weins Idem //jüngerer Zusatz: oder 14 alb Laut Leyebrieff

Drey alb Idem Erbzins von der wiesen pober [=oberhalb] der obersten moln ahn der Erle Wiesen

Beussen henchen von 1 acker x ruten wißen, die scheibe wiße ahm wasser, Item i 1/2 acker i viertel xii ruten die wetzel wiße ahn Fritz wiesen, Item iii viertel ix ruten die Langehecke.

Ahn Hans Kribelnn, Item i acker i viertel xi ruten der Kessell ahnn moller Hen, gibt von den obgemelten wißen jerlichen

Zwen gulden Achtzehen alb

Ein Ganß, Idem von i 1/2 viertel garten ahn der scheidel?/(Scheibel?) wiesen

(Jüngerer Zusatz: Henrich –unleserlich- Henrich Saure zinset 28 alb .und 1 Huhn;. vid. Nota post 1734)

Theiaß (=Matthias) Moller von ii acker ii viertel wißen die deusinges wieß ahn Folpert Sauren [aus Münchhausen ?], Item iii vtl Landt vnder dem Berge ahn Gerlach Genttener, Item i acker in der Wolmer ahn Jost Johan, Item iii vtl vff dem Bohrnrin ahn Theias von Monichhausen , Item ii acker i viertel x ruten vff den berken ahm wege, gibt von obgemelten Stucken

fünffzehen alb

Sechzehen Heller Idem vom Molngraben gehet durch des spittals Wießen,

Jorge von Hotzfelt [= Georg von Hatzfeld, auf Burg Mellnau] von wißen doselbst zehent gelt vor dem Zehent

Zween alb Acht hllr

(fol. 209) Obernholtzh Simshausen

Des spittals gutter Michel vff den Betten von einer wießen vor ober Simpshaußen vor den Zehent Zween alb

Zu diesem Zeitpunkt wurden demnach nur Simtshausen (östlich der Wetschaft: heute Bereich Schlagpfütze) und Obersimtshausen (westlich der Wetschaft: heute Mittel- und Obersimtshausen) als Ortsteile genannt. Die gesonderte Nennung von Mittelsimtshausen als eigener Ortsteil ist erst ab 1577 nachweisbar.

Aus dem Jahr 1577 ist nämlich ein „Abriß“, d.h. eine Lageskizze des Amtes Wetter erhalten, der eine Mühle im Bereich des heutigen Mittelsimtshausen zeigt. Hintergrund für die Entstehung dieses interessanten Dokuments ist ein Streit zwischen den Ämtern Battenberg und Wetter über den sog. Hammelschnitt. Zu den zahlreichen Abgaben, die die Untertanen dem Landesfürsten zu leisten hatten, gehörten auch die sog. „Trifthämmel“, d.h. je fünfzig gehaltener Schafe musste 1 Tier an den Renthof in Marburg abgegeben werden. Die dort zusammen getriebenen Tiere waren ein Teil der Besoldung der Hofbeamten, die ja teilweise in Naturalien erfolgte (Getreide, Tiere, Holz, Heu usw.).Alljährlich wurden von den Rentmeistern bzw. Helfern die Schafe in den einzelnen Ämtern gezählt und die erfassten Tiere durch einen Kerbe im Ohr markiert, daher der Name.Dabei ist zu bedenken, dass die Fleischnahrung im 16. Jahrhundert vorzugsweise Ochsen- und Hammelfleisch war und Schweinefleisch wesentlich seltener verzehrt wurde als heute. Daher waren damals die Schafherden bedeutende Wirtschaftsfaktoren.


Ausschnitt aus dem „Abriss“ von 1577 der Grenze zwischen dem Amt Wetter (links, mit „Vndern Simptshausen“) und dem Amt Battenberg (rechts, Mittel Simptshausen und Ober Simptshausen und / Monchhausen) (StAMR Best. 40f Nr. 434)

 

Die in der Skizze von Mittelsimtshausen schräg nach links auf das „Steinmal“ zulaufende Doppellinie wurde von den Battenbergern als ihre Grenze, die von Mittelsimtshausen auf „den Schlag“ zulaufende Doppellinie von den Wetteranern als deren Grenze angesehen.Unklar ist dabei die Lage der verschiedenen Mühlen an der Wetschaft. Im Hainaer Erbregister von 1557 und in der Skizze von 1577 ist nur im Bereich des heutigen Mittelsimtshausen eine Mühle aufgeführt. Eine weiter östlich Richtung Wetter eingezeichnete Mühle entspricht der Todenhäuser Riedmühle.Im Salbuch 40 von etwa 1570 erscheint (Ober-) Simtshausen im Amt Wetter unter den „Mühlen Vff der Wetschafft obendig Wetter“ mit 5 Hausgesessenen. Rindhausen und Beddelnhausen werden als Wüstungen bei Niederasphe bezeichnet. Vermutlich handelte es sich bei dieser Mühle um die vogteiliche Bannmühle, in der das dem Landgrafen abgabepflichtige Korn gemahlen wurde.

Früheste Angabe zu einer Mühle in Simtshausen im Dorfbuch des Oberfürstentums Hessen (StA MR S 40, um 1570).

 

Die vogteiliche Mühle gelangte später mit weiteren Ländereien in den Besitz des Klosters Haina im Kellerwald, danach an die Familie von Gilsa. Mitte des 15. Jahrhunderts erhalten die Herren von Treisbach das Fischereirecht auf der Wetschaft zwischen Simtshausen und Münchhausen. Es geht später auf die Familien von Rehen (bis 1607), von Bodenhausen und ab dem Ende des 17. Jahrhunderts an die Familie von Baumbach zu Amönau über. Die Mühle im heutigen Untersimtshausen wurde erst im 18. Jahrhundert angelegt und machte größere Umleitungs- und Abzweigungsarbeiten von Mühlengräben notwendig.


Angaben zur Einwohnerzahl im Dorfbuch von 1570 in den Dörfern Mellnau (vor dem Schloss), Nieder Asphe mit Untersimtshausen und Treisbach im Amt Wetter (StA MR S 40, um 1570).

 

Untersimtshausen mit den Wüstungen Rindshausen und Beddelnhausen gehörte laut Salbuch 40 bereits um 1570 zu Niederasphe, das damals 78 Hausgesessene und insgesamt 15 Wagen für Dienstfuhren dem Landgrafen zu stellen hatte. Das Patronat der Kirche besaßen die Herren von Dersch, von Fleckenbühl gnt. Bürgel und das Kloster Georgenberg in Frankenberg.Im 15. Jahrhundert war außer dem Kloster Haina auch das Stift Wetter mit seinen Geistlichen im Besitz mehrerer Ländereien in Simtshausen; darunter befand sich ein Stiftshof („Höfchen“), aus dem mit Beginn des 16. Jahrhunderts der Ortsteil Obersimtshausen entstand, der später zum Amt Battenberg gerechnet wird.

Vorausgegangen war ein durch Missernten und Pestwellen bedingte Wüstungsperiode, in der zahlreiche Orte und Weiler (Warmshausen, Beddelhausen, Rindshausen) aufgegeben wurden; deren Bewohner sind nach Unter- und Obersimtshausen gezogen. Zu dieser Zeit besaß Simtshausen bereits eine Kapelle, rechnete aber kirchlich zum Dekanat Kesterburg.

Der Übergang der Weinstraße über die Wetschaftfurt war vielleicht durch einen Schlagbaum (Schlagpfütze) und westlich durch eine Landwehr gesichert. Die relative kleine Feldmark von Simtshausen spricht für eine geringe Besiedlung; außer den Mühlen dürfte auch ein Förster dort herrschaftliche Aufgaben übernommen haben. Ab dem 17. Jahrhundert ist Simtshausen Sitz eines zum Amt Wetter gehörigen Försters, der für den Burgwald und den Wollenberg zuständig war.


Im „Marburgisch Dorfbuch (ca. 1680, StA MR Best. S 102, fol. 68-69) heißt es dazu:

Dieses Forst aber[beginnt] an Kornberg am Melnauerfeld, von darauff den hohen Berg b. Wetter, Grüne Eiche, Hintersprung, Tiergarten, Sandberg, Steehküppel, Hasenhaard/Hehenhaard, Seispfeiffe, biß an den Landgraffen bronn, ferner auf (fol. 69) den Diebskeller, Großen und Kleinen Nebeler, Hungerthal, Christenberg, Linneberg (=Lüneburg), Breidenscheid, Geisenberg, und Sonnabendsküppel, wird sonst die Wolfsburg genennt, und beforstet dieser daneben auch den Wollenberg alß mitförster.

Es fängt sich auch in bemeldtem Burgwald, auf den sogenandten Brüchern ein Waßer an, so in Hege gelegt, und hält Forellen, gehet so fort nach dem Brachter Forst.“Die Namen verschiedener Förster aus dem 17. u. 18. Jahrhundert sind überliefert und leben im Hausnamen „Forschtersch“ fort. In wieweit der Förster in die Gemeindeleitung eingebunden war, ist nicht bekannt; als Amtsperson hatte er jedoch rechtswirksame Aufgaben in Forst, Feld und Flur, z.B. bei der Verhängung von Forstbußen.

Die Ortsleitung hatte schon am Ende des 15. Jahrhunderts ein „Heimbürge“ (lateinisch ‚comarchus’) inne; der erste bekannte Heimbürge war Kunz Halmberg/Hallenberger, der Vater des Humanisten Euricius Cordus (um 1450 bis um 1510).Ab etwa 1630 wird Simtshausen endgültig zum Gericht Münchhausen gezählt, zu dem es auch seit 1613 kirchlich gehörte, während Untersimtshausen kirchlich bei Niederasphe verblieb (einer Patronatskirche der Familie v. Dersch). 1691 hatten Ober- und Mittelsimtshausen 10 hausgesessene Familien, von denen ein größerer Teil noch bis ins 18. Jahrhundert für das Hospital Wetter abgabenpflichtig war. Erst von 1832 bis etwa 1889 erfolgte die Ablösung der Bauern von ihren Grundherren. Der 1788 erstellte Steuerkataster zeigt die zersplitterte Lage der Feldmark; sie wurde erst mit der Flurbereinigung von 1910-12 in größere Flächen aufgeteilt.

Noch im Salbuch von Hessen aus der 2. Hälfte des 18. Jahrhundert (Staatsarchiv Marburg S 112 Bd. II) werden Ober- und Mittelsimtshausen im Gericht Münchhausen aufgeführt .

Zur jüngeren Ortsgeschichte

Eine neue Ära für den Ort begann mit dem Bau eines eigenen Bahnhofs in Simtshausen am östlichen Talrand 1890 im Zuge der Einrichtung der Bahnstrecke von Sarnau nach Frankenberg. Bereits einige Jahre vorher war unter der preußischen Verwaltung die Chaussee von Wetter nach Frankenberg (heute B 252) angelegt worden und hatte für eine bessere verkehrstechnische Anbindung gesorgt.

1925 wurden dann die Ortsteile Ober- und Mittelsimtshausen sowie Schlagpfütze von Münchhausen abgetrennt und bildeten die selbständige Gemeinde Simtshausen. Untersimtshausen verblieb jedoch kirchlich und verwaltungstechnisch bei Niederasphe (seit 1577).

1929-34 wurde ausgehend vom „Schulborn“, einer stark schüttenden Quelle mit hochwertigem Wasser zwischen Ober- und Mittelsimtshausen eine Wasserversorgungsanlage gemeinsam mit den Dörfern Todenhausen, Nieder- und Oberasphe und Wollmar erbaut. Sie wurde wegen Zweifeln an der Wasserqualität ab 2004 durch einen Tiefenbrunnen in Münchhausen ergänzt.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde im Zuge der Gebietsreform und anderer strukturbildender Maßnahmen des Landes Hessen und des später neu gebildeten Kreises Marburg-Biedenkopf ein Sportplatz angelegt (1958), 1972 das Dorfgemeinschaftshaus errichtet und 1974 der Zusammenschluss der bisher selbständigen Gemeinden Münchhausen, Simtshausen, Ober- und Niederasphe sowie Wollmar zur Großgemeinde Münchhausen am Christenberg durchgeführt. Diese Maßnahmen trugen sicher auch zur schnellen Eingliederung der zahlreichen aus Ungarn stammenden Familien in das Dorf bei, die nach Kriegsende als Flüchtlinge in unserer Gemeinde eine neue Bleibe gefunden haben.

Nachdem das alte, 1938 erbaute Feuerwehrhaus in Mittelsimtshausen baufällig geworden war und 1999 abgerissen werden musste, errichtete die Feuerwehr mit sehr viel Eigenleistung an der östlichen Giebelseite des Dorfgemeinschaftshauses einen Anbau als neues Feuerwehrgerätehaus mit Versammlungs- und Nebenräumen. Interessante Einzelheiten dazu finden Sie im Abschnitt „Häuser in Simtshausen“.


Wer ist der berühmteste Simtshäuser?

Der sicher bekannteste Simtshäuser ist der vermutlich 1486 als Sohn eines Müllers in Simtshausen geborene Euricius Cordus; hinter diesem lateinischen Namen verbirgt sich Heinrich, der jüngste Sohn des Müller Kurt/Conrad Halmberg/Hallenberg und seiner Frau Gela. „Cordus“ ist lateinisch und heißt „der Spätgeborene“; er war das 13. Kind seiner Eltern. In einer frühen Schrift nennt er sich „Ritze Symshusen“, wobei „Ritze/Reitz“ (ähnlich wie Heinz) eine Kurzform von „Heinrich“ ist. Der Zusatz „eu“ leitet sich vom griechischen Wort für „gut“ ab, d.h. „Euricius“ heißt also „der gute Heinrich“. Der eigentliche Name lautete also Heinrich Hallenberg(er), nicht „Solden“, wie früher aufgrund einer Namensverwechslung angenommen wurde.

Cordus erhielt vielleicht zunächst in Wetter in der Stiftsschule („Academiola Wetterana“) oder bei den Wiesenfelder Johannitern den ersten Unterricht. Später ging er in Frankenberg zur Schule und erhielt bei dem Lehrer Johannes Horlaeus eine gründliche Ausbildung in Latein, Musik und anderen Fächern. Der hochbegabte junge Mann studierte ab etwa 1505 an der Universität Erfurt, wo er sich dem hessischen Humanistenkreis anschloss und bald nach dem Studium auch die aus Frankenberg stammende Kunigunde Dünnwald (lateinisch: Ralla) heiratete. Nachkommen der sieben Kinder dieser Ehe lassen sich bis in die Gegenwart unter den Namen ‚Sprockhoff’ und ‚Dedekind’ vor allem in Niedersachsen verfolgen. Zunächst als Lehrer in Erfurt tätig, wurde Cordus dann ab etwa 1511 Lehrer in Kassel, wo er und seine Frau auch dem Landgrafen Philipp und dessen Schwester Elisabeth Privatunterricht erteilten. Bereits in dieser Zeit verfasste Cordus eine ganze Reihe von Dichtungen in lateinischer Sprache, von denen die sog. Epigramme, zweizeilige Kurzgedichte wegen ihres scharfen satirischen Witzes und sozialkritischen Inhalts bis heute berühmt sind; einige von ihnen hat der Dichter Gotthold Ephraim Lessing übersetzt.

Nachdem Cordus durch einen begüterten Freund die Möglichkeit erhalten hatte, ab 1518 in Ferrara in Mittelitalien Medizin zu studieren, arbeitete er als Arzt u.a. in Braunschweig und Emden und wurde 1527 zu ersten Professor für Medizin an die neu gegründete Universität Marburg berufen. Dort schrieb er unter anderem in Latein ein Lehrbuch der Botanik („Botanologicon“), das in Gesprächsform vom Gebrauch der Heilpflanzen berichtet. Weitere kleinere Schriften mehr praktischen Inhalts hat er auf Deutsch verfasst, so „Ein Regiment wider den Englischen Schweiß“, eine bis heute rätselhafte Infektionskrankheit, die um 1530 in Marburg grassierte.

Er war Dekan der Medizinischen Fakultät und Rektor der Universität, für die er Siegel und Zepter als Zeichen der akademischen Freiheiten anschaffen ließ und sorgte für die Auslagerung der Universität nach Frankenberg während einer Pestepidemie.

Titel zweier Bücher von Euricius Cordus, links: Botanologicon, ein lateinisches Lehrgedicht über Heilpflanzen, rechts: Das „Regiment“ … wider den „Englischen Schweiß“

 

Das unter Cordus angeschaffte Siegel der Marburger Medizinischen Fakultät zeigt den griechischen Arzt Hippokrates als akademischen Lehrer.


Der streitbare und wegen seines bissigen Witzes gefürchtete Mann geriet bald in Konflikte mit einigen Kollegen, vor allem wegen seiner Wohnung in der alten Universität in Marburg und zog verärgert und verbittert nach Bremen, wo er als Gymnasiallehrer und Stadtarzt wirkte. Am 24.12. 1535 ist er dort knapp fünfzigjährig gestorben und wurde in der Liebfrauenkirche beigesetzt.

Der Fachbereich Medizin der Philipps-Universität Marburg vergibt in Erinnerung an ihn als seine wichtigste Auszeichnung die Euricius-Cordus- Medaille für Verdienste um die Medizinische Fakultät in Marburg.

Besondere Bedeutung hat auch sein Sohn Valerius Cordus (1515-1544) erlangt, der das erste deutsche Arzneimittelbuch verfasst hat. Ein anderer Sohn, August Hallenberger, war nach der Ausbildung bei Lucas Cranach in Wittenberg Maler in Dresden (verantwortlich für den Text: G. Aumüller, Nov. 2010).

Wie alt ist die Simtshäuser Kirche?

Wie erwähnt, gehörte Simtshausen ursprünglich zum Dekanat Kesterburg; aus diesem Grunde wurden die verstorbenen der Gemeinde noch bis 1936 zusammen mit den Toten aus Münchhausen auf dem Friedhof auf dem Christenberg begraben. Ein Feldweg in der Gemarkung, der Bahn und Bundesstraße in Richtung Christenberg kreuzt, heißt noch heute der Totenweg, weil auf ihm die Särge zum Christenberg gefahren wurden.

Erst ab 1914 wurde in Simtshausen ein eigener Friedhof angelegt, dort wurde 1974 eine Friedhofskapelle errichtet.

Um 1500 war in Simtshausen nahe der Wetschaftfurt eine Kapelle vorhanden, an die die Flurbezeichnung „Auf der Kirchmauer“ erinnern soll. Wann sie verfiel, ist unbekannt. Spätestens aber nach Einführung der Reformation (1527) in Hessen durch Landgraf Philipp den Großmütigen dürfte Simtshausen kirchlich zu Münchhausen gehört haben.

Eine eigene Kirche erhielt der Ort erst wieder 1935/36; die Pläne zu dem an anderen hessischen Dorfkirchen angelehnten „Heimatstil“ lieferte der Marburger Architekt Dr. Karl Rumpf, dessen Hausmarke an einer der beiden Säulen des kleinen Vordachs („Porticus“) angebracht ist. Ein Zuschuss der Reichskanzlei des „Führers“ wurde durch ein Hakenkreuz im Giebelfeld des Vordachs kenntlich gemacht, das nur notdürftig mit einem Blech verkleidet ist. 1949 erhielt die kleine Kirche eine Orgel (Fa. Bosch, Kassel) und zunächst zwei, später drei Glocken der Fa. Rincker. Die kleinste Glocke hing ursprünglich im Turm am Schulhaus und wurde 1936 in die Kirche umgehängt. Die beiden anderen Glocken wurden 1962 angeschafft (Angaben von Willi Höcker, 25. 6.1935-11.10.2010)

Seit 1937 ist Simtshausen ein Filial der Pfarrei Niederasphe. In hessischer und noch preußischer Zeit (nach 1866) hatte das Konsistorium in Marburg als kirchliche Aufsichtsbehörde auch die Aufsicht über die Schulen bzw. Lehrer. Ein eigenes Schulhaus wurde 1840 am Weg zwischen Ober- und Mittelsimtshausen durch Zimmermeister Martin Zuschlag aus Münchhausen errichtet und war bis 1969 als ein- bzw. zweiklassige Schule in Gebrauch. Am 15. Mai 1965 wurde in Münchhausen die Mittelpunktschule „Oberes Wetschaftstal“ in Betrieb genommen, die seither von Simtshäuser Schülern besucht wird.